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Kriegsbeute kehrt zurück - War booty returns

1970
1945
Volkstimme 8 August 2017
Von Theo Weisenburger

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm ein englischer Soldat Silbesteck aus Halberstadt nach England mit. Jetzt ist es wieder zurück.

Dieses Besteck sucht seinen Besitzer. Foto: Theo Weisenburger
Dieses Besteck sucht seinen Besitzer. 

Halberstadt l Gar so spektakulär wie die Rückkehr des Quedlinburger Domschatzes war es dann doch nicht. Aber immerhin, als Derek Wood, der Präsident des Rotary-Clubs aus dem britischen Luton, sein Gastgeschenk enthüllte, hatte er die ganze Aufmerksamkeit der Gäste. Eine Kiste Silberbesteck brachte er zum 25. Geburtstag der Halberstädter Rotarier mit, und eine interessante Geschichte dazu.

Dieses Silberbesteck hatte ein englischer Soldat, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Halberstadt war, in seine englische Heimat mitgenommen. Nach seinem Tod entdeckte seine Witwe das Besteck und brachte es, da der ehemalige Soldat selbst Rotarier war, dem Präsidenten des Rotary-Clubs Luton. Diesen Club wiederum verbindet seit Jahren eine Freundschaft mit dem Halberstädter Service-Club – und so schloss sich kürzlich der Kreis: Nach mehr als 70 Jahren kehrte diese „Beutekunst“ wieder in ihre angestammte Heimat zurück.

Denn daran, dass das Besteck in den Wirren nach dem Ende des Weltkriegs nicht ganz rechtmäßig seinen Besitzer gewechselt hat, zweifelt auch Jutta Dick nicht. Die Chefin der Moses-Mendelssohn-Akademie (MMA) war bis vor Kurzem Präsidentin der Halberstädter Rotarier, nahm das Geschenk aus England in Empfang und versucht seitdem herauszufinden, was es damit auf sich hat.

Detektivarbeit leisten

Den Namen des Soldaten kennt sie nicht, seine Witwe wollte anonym bleiben. Allerdings könne diese auch nicht viel zum Hergang sagen, hat Jutta Dick in Erfahrung gebracht. Der Mann habe zu Hause nie darüber geredet, gesehen habe die Frau das Silberbesteck nicht. Entweder sei dem britischen Soldaten der - mutmaßliche Diebstahl - selbst unangenehm gewesen oder er habe den Kasten irgendwann einfach nur vergessen.

Jutta Dick muss nun also Detektivarbeit leisten, will sie die Geschichte des Silberbestecks herausfinden. Dabei setzt sie auf das Fachwissen von Heimatkundlern, aber auch auf Zeitzeugen. Der Schatz in der Kiste besteht zum einen aus einem nahezu komplett erhaltenen Service. Die einzelnen Teile tragen alle die Initialen „IG“. Dazu kommen noch viele einzelne Messer, Löffel und Gabeln. Diese Einzelstücke sind durchaus interessant. Denn in jedes Teil ist ein anderer Name und ein Wappen eingraviert. Zu lesen sind Namen wie Graf von Hardenberg, Prinz von Löwenstein, Oberstleutnant Wüstefeldt oder auch Hamid Bey, in diesem Fall stilecht mit türkischem Wappen.

Souvenirs für daheim

Was das bedeutet? Jutta Dick muss nicht lange rätseln. Diese Löffel und Messer dürften in Halberstadt stationierten Offizieren des Kürassier-Regiments gehört haben. Wie der englische Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg an das Besteck kam, kann die MMA-Chefin nur vermuten. Möglicherweise war er auch in der Kaserne stationiert und hat sich dort seine Souvenirs organisiert.

Diese Variante kann sich auch Halberstadts Ortschronist Werner Hartmann vorstellen. Britische Soldaten waren vom 18. Juni bis zum 1. Juli in Halberstadt stationiert, unter anderem in der Kürassier-Kaserne in der heutigen Friedrich-Ebert-Straße. Dort gab es ein schönes Offizierskasino. Auch ein Rittmeister Hans Graf von Hardenberg ist in Halberstadt verzeichnet. Dieser habe sich im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 ausgezeichnet.

Zeitzeugen gesucht

Doch wie dessen Besteck und das seiner Offizierskameraden in die Hände eines britischen Besatzungssoldaten gelangte, darüber vermag Hartmann nur zu mutmaßen. „Die haben alle geklaut“, sagt er über die Soldaten, die nach dem Zusammenbruch Halberstadt besetzt hatten. Aber auf welchen Umwegen das Silberbesteck schließlich bei diesem einen Soldaten landete, weiß Hartmann nicht.

Doch genau das ist es, was Jutta Dick interessiert. Das Silberbesteck sei nicht besonders wertvoll, wohl aber die Geschichte, die dahintersteckt. Die möchte sie nun ergründen und sucht Zeitzeugen, die ihr etwas darüber berichten können. Das Besteck selbst wird übrigens nicht lange bei den Halberstädter Rotariern bleiben, sondern soll dem Stadtmuseum übergeben werden.

https://www.volksstimme.de/lokal/halberstadt/20170808/877/silberbesteck-kriegsbeute-kehrt-zurueck
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