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Liebermanns Bild taucht auf der Insel Föhr auf - Liebermann painting emerges on Foehr Island

1970
1945
Frankfurter Rundschau 13 May 2017
von Andreas Förster

Nach einem FR-Bericht über ein verschollenes Raubkunst-Gemälde erinnert sich eine Leserin daran, es in einer Ausstellung gesehen zu haben. Die Museumsdirektorin bestätigt, dass man das Bild zeitweise ausgestellt hatte.


Max Liebermann: „Wäsche trocknen – Bleiche“, 1890. Das Foto wurde im Zuge der Auktionspläne 2005 gemacht.

m Jahr 2009 eröffnete das Museum Kunst der Westküste in Alkersum, einer 400-Seelen-Gemeinde auf der nordfriesischen Insel Föhr. Ein kleines, feines Haus, das seitdem in wechselnden Ausstellungen deutsche und nordwesteuropäische Kunst von 1830 bis 1930 präsentiert. Auf der Internetseite des Museums kann man sich einen neun Minuten langen Film anschauen, der einen virtuellen Rundgang durch die Eröffnungsschau vor acht Jahren bietet. In einem großen hellen Raum hängen an weißen Wänden dicht an dicht Objekte aus der Sammlung des Hauses und private Leihgaben. Hunderte Werke, darunter Gemälde von Edvard Munch, Max Beckmann, Emil Nolde und Max Liebermann.

Nach zweieinhalb Filmminuten schwenkt die Kamera um eine Zwischenwand herum und zeigt in Großaufnahme ein kleines Gemälde im Goldrahmen. Zwei Sekunden lang nur. Eine Frau ist darauf zu sehen, die auf einer Wiese rosa- und fliederfarbene Wäschestücke auf eine Leine hängt. Der kräftige Wind bauscht die bunten Stoffe, Haar und Kleid der Frau flattern. Das Bild heißt „Wäschetrocknen – Bleiche“, Max Liebermann hat es 1890 gemalt.

9000 Kilometer westlich der kleinen friesischen Insel Föhr blieb Mitchell Ostwald fast das Herz stehen, als er vor wenigen Tagen auf seinem Computer erstmals den Film aus dem Museum ansah. Der Rechtsanwalt aus der kalifornischen Hauptstadt Sacramento erzählt später, er habe bei Minute 2:30 auf die Pausentaste gedrückt und minutenlang ungläubig auf den Bildschirm gestarrt. „Dann war mir klar: Wir haben es endlich gefunden“, sagt er. „Unser Bild.“

Ich bin zuerst sehr glücklich darüber, dass es nach all den Jahren des Schweigens nun endlich eine Spur zu dem Gemälde gibt.

Mitchell Ostwald

Einen Monat ist es her, da hat die Frankfurter Rundschau die Geschichte des Gemäldes „Wäschetrocknen – Bleiche“ erzählt. Das Liebermann-Bild gehörte dem jüdischen Kaufhausgründer und Kunstsammler Moritz Ury, dem Urgroßvater von Mitchell Ostwald. Zusammen mit seiner Frau Selma hatte Ury 1937 aus Nazideutschland in die Schweiz fliehen müssen. Seine Kunstsammlung durfte er nicht mitnehmen, die Gestapo beschlagnahmte die Werke und ließ sie 1941 durch das Finanzamt Berlin-Moabit versteigern.

Zu den verkauften Kunstwerken gehörte auch das Liebermann-Gemälde, dessen Spur sich nach der Versteigerung verlor. Erst im Jahr 2005 tauchte es plötzlich in der Öffentlichkeit auf, wieder bei einer Versteigerung. Das Münchner Auktionshaus Hampel bot die Arbeit an, für einen Schätzpreis von 225 000 Euro. Eingebracht in die Auktion hatte es die Karg Stiftung. Deren Gründer, der 2003 verstorbene frühere Inhaber der Hertie-Warenhauskette und Kunstsammler Hans-Georg Karg, hatte das Liebermann-Gemälde in den achtziger Jahren erworben. Ob er damals wusste, dass es sich um NS-Raubkunst handelt, lässt sich nicht mehr herausfinden. Als die umstrittene Provenienz des Bildes im selben Jahr bekannt wurde, wurde das Liebermann-Gemälde aus der Auktion zurückgezogen. Das Bild verschwand wieder. Mitchell Ostwald, der es seitdem zurück in seine Familie holen will, stieß bei seinen Nachforschungen auf eine Mauer des Schweigens. Zwar bestätigte die Karg Stiftung, dass das Auktionshaus das Bild „nachauktional“ verkauft habe; an wen, das wollte aber keiner der Beteiligten verraten.

Nach dem Artikel in der FR meldete sich eine Leserin aus Frankfurt. Sie habe das Bild vor einigen Jahren im Museum auf Föhr gesehen, schrieb sie und legte gleich noch die Kopie einer dort gekauften Kunstpostkarte mit dem Liebermann-Gemälde bei. Der Film auf der Internetseite des Museums beseitigte dann alle Zweifel.

Museumsdirektorin Ulrike Wolff-Thomsen bestätigt inzwischen auf Anfrage, dass man das Bild zeitweise ausgestellt hatte. Es habe sich um eine private Leihgabe gehandelt, es befinde sich nicht im Besitz des Museums. Wer es seinerzeit an das Museum ausgeliehen hatte, will sie nicht sagen. „Der private Eigentümer, der das Liebermann-Gemälde guten Glaubens und unter Kenntnis anderer Provenienzangaben erworben hat, ist jedoch über den von Ihnen dargestellten Sachverhalt informiert und arbeitet bereits mit seiner anwaltlichen Vertretung an einem fairen und gerechten Verfahren“, teilt Ulrike Wolff-Thomsen noch mit.

Zwar hat Mitchell Ostwald noch keine Nachricht von dem derzeitigen Besitzer des Bildes, aber die Ankündigung der Museumschefin gibt ihm Hoffnung. „Ich bin zuerst sehr glücklich darüber, dass es nach all den Jahren des Schweigens nun endlich eine Spur zu dem Gemälde gibt“, sagt Ostwald. „Jetzt freue ich mich darauf, mit dem Besitzer eine gerechte Lösung zu finden.“

http://www.fr.de/kultur/kunst/raubkunst-liebermanns-bild-taucht-auf-der-insel-foehr-auf-a-1276850
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