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'Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien'

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Title

Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien

Author

Meike Hopp

Date

May 2012

Description


2012, 216 pages, 75 black and white illustrations, dimensions: 17.4 x 24.2 cm, Softcover (TB), German Böhlau ISBN-10: 3412208078 ISBN-13: 9783412208073

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Adolf Weinmüller (1886-1958) betrieb seit 1921 eine Kunsthandlung in München und eröffnete 1936, nachdem der jüdische Kunsthändler Hugo Helbing sein Auktionshaus schließen musste, das in den Folgejahren nahezu konkurrenzlose »Münchener Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller«. Zu seinem Kundenkreis gehörten Parteifunktionäre wie Martin Bormann oder Händler wie die Galeristin Maria Almas-Dietrich, die gezielt Werke an Hitlers »Sonderauftrag Linz« vermittelte. Nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 arisierte Adolf Weinmüller auch das Traditionshaus der jüdischen Kunsthändlerfamilie Kende in Wien. Nicht nur für die Provenienzforschung, auch für Forschungen zum Kunsthandel in der Zeit des Nationalsozialismus spielt Adolf Weinmüller eine wichtige Rolle. Seine Person und seine Aktivitäten zwischen 1936 und 1945 stehen im Zentrum dieses Bandes, der aus einem gemeinsamen Projekt des Münchener Kunstauktionshauses Neumeister und des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München.

For details of the research project of which this was part, click here.

To read a review by Uwe Mitsching, 'Perfidie mit Methode', published in the Bayerische Staatszeitung on 12 July 2012, click here.

To read a review by Julia Voss, 'Das grausige Monopol des Adolf Weinmüller', published in the Frankfurter Allgemeine Zeitung on 11 January 2013, see below, or click here.

Meike Hopp: Kunsthandel im Nationalsozialismus Das grausige Monopol des Adolf Weinmüller

Unter Profiteuren: Eine beeindruckende Studie legt die unrühmliche Geschichte des Kunsthandels in der Zeit des Nationalsozialismus frei.

Fangen wir mit einem Ratespiel an. In welchem Jahr wurde dieser Satz geschrieben? „Die Staatsgalerien und die städtischen Sammlungen haben kein Geld mehr für Ankäufe, oder nicht so viel, dass sie mit dem Händler konkurrieren könnten.“ 2012? Nein, 1923. Oder was ist damit?: „Das herrliche Bild stieg von 400 000 Mark, wofür es geboten wurde, innerhalb weniger Minuten bis auf eine Million und zehntausend Mark.“ Aus dem Kunstmarktboom der neunziger Jahre? Nein, auch aus der Weimarer Republik. Es war das Jahr 1921, als ein Gemälde Anselm Feuerbachs zum ersten Mal auf einer deutschen Auktion die Millionengrenze überschritt. Verkauft wurde es in die Schweiz, ein Schlupfloch in der „Verordnung über die Ausfuhr von Kunstwerken“ nutzend.

Was folgte, war eine Diskussion über Sinn und Unsinn des Kunstmarkts, über private Interessen und öffentliche Aufgaben, über Spekulanten, Investoren und Händler, die sich zu Ringen zusammenschlossen, um bei Auktionen die Preise zu manipulieren. Fast jeder Satz dieser Debatte könnte auch heute formuliert worden sein. Damals folgten aber keine Reformen, sondern das Jahr 1933. Zum Sündenbock wurden die Juden erklärt, wie sich davon profitieren ließ, war auch klar: durch Arisierung. Habgier hieß jetzt „deutschnationale Gesinnung“.

Aufarbeitung mit Hilfe des Firmenarchivs

Den „Kunsthandel im Nationalsozialismus“ hat die Kunsthistorikerin Meike Hopp in einer beeindruckend klaren wie aufwendig recherchierten Studie aufgerollt, in deren Mittelpunkt das 1936 eröffnete „Münchener Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller“ steht; 1938 folgte eine Dependance in Wien. Bemerkenswert ist Hopps Forschungsarbeit aus mindestens zwei Gründen: Zum einen, weil Weinmüller als wichtigster Kunsthändler im Nationalsozialismus gilt; er verkaufte an NSDAP-Funktionäre wie Martin Bormann oder Händler wie die Galeristin Maria Almas-Dietrich, die Kunstwerke an Hitlers geplantes Führermuseum in Linz vermittelte. Weinmüller war eine Schlüsselfigur, sein Geschäftsmodell zu erklären heißt, tatsächlich zu verstehen, wie der Kunsthandel im Nationalsozialismus organisiert wurde.

Bemerkenswert ist Hopps Arbeit aber noch aus einem zweiten Grund: Bei Anfragen von Historikern schnappen die Archivtüren von Auktionshäusern üblicherweise so sicher zu wie die Schalen der Riesenmuscheln, die sich bei Berührung schließen, um den Schatz im Inneren zu verbergen. Nicht so in diesem Fall. Katrin Stoll, die Geschäftsführerin des Kunstauktionshauses Neumeister, das 1958 Weinmüllers Unternehmen übernahm, stellte großzügig das Firmenarchiv zur Verfügung. Das Wiener Dorotheum ausgenommen, hat sonst bisher keine weitere Institution des Kunsthandels im deutschsprachigen Raum seine Geschichte aufarbeiten lassen.

Gute Kontakte zur NSDAP

Was Hopp ausgehoben hat, ist ein grausiges Schlangennest, in dessen Zentrum Adolf Weinmüller sitzt. Den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär verwandelte er, der von einem unbedeutenden Kunsthändler zum Monopolisten aufstieg, in einen Albtraum. Ausgeschaltet wurde eine jüdische Kunsthandlung nach der anderen, darunter das Auktionshaus Hugo Helbing, das zu den größten in der Weimarer Republik zählte. Zwischen 1936 und 1943 fanden allein in München bei Weinmüller dreiunddreißig Versteigerungen statt, zusätzlich Verkaufs- und Sonderausstellungen, so dass insgesamt etwa 24 500 Objekte von 1800 Einlieferern das Haus durchliefen. Wie das ging?

Auf über dreihundert Seiten, gefolgt von einem Dokumentenanhang, zeichnet Hopp die Intrigen nach, hier sei nur der wichtigste Schachzug genannt: Weinmüller verfügte über gute Kontakte zur NSDAP und leitete von 1933 an den neu gegründeten Bund deutscher Kunst- und Antiquitätenhändler e.V.. Mitgliedschaft war Pflicht, um eine Versteigerungs- oder Kunsthandelslizenz zu erhalten. „Ungeeignete und unsaubere Elemente“ hingegen durften nicht beitreten - damit waren die Juden gemeint. 1935 verlor Hugo Helbing seine Lizenz, 1938 wurde er in der „Reichspogromnacht“ verhaftet und niedergeschlagen. Helbing, fünfundsiebzig Jahre alt, erlag seinen Verletzungen.

Die Netzwerke funktionierten weiter

Unliebsamer deutscher Konkurrenz entledigte man sich wie folgt: 1934 trat ein neues Versteigerungsgesetz in Kraft, nach dem Kunsthändler und -versteigerer nachweisen mussten, dass es „ein Bedürfnis“ auf dem Markt für ihr Unternehmen gebe. Die Genehmigung lag bei einem Sachverständigenkomitee der Industrie- und Handelskammer, dem natürlich Adolf Weinmüller angehörte. Er lehnte so lange Anträge ab, bis er 1937 ein Monopol auf Kunstversteigerungen in München besaß; die enteigneten Sammlungen jüdischer Besitzer kamen bei ihm unter den Hammer.

Die Entrechtung der jüdischen Konkurrenz organisierte der Kunsthandel also selbst, noch vor der Verkündigung der Nürnberger Gesetze im September 1935. Die Rassenideologie lieferte den willkommenen Überbau der eigenen Raubzüge, man war Antreiber und Profiteur - auch nach dem Krieg. Die Netzwerke, die man im Nationalsozialismus aufgebaut hatte, funktionierten weiter. Weinmüller starb 1958, sein Haus galt als führend.

Meike Hopp: „Kunsthandel im Nationalsozialismus“. Adolf Weinmüller in München und Wien. Böhlau Verlag, Wien 2012. 411 S., Abb., br., 29,90 Euro.

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